Learn German – Deutsch lernen durch Storytelling

Mit dieser Kurzgeschichte kannst du nicht nur dein Textverständnis, sondern auch dein Hörverständnis verbessern. Außerdem kannst du deine Aussprache mit der Übung des „Shadowing“ trainieren.

Viel Spaß!

Titel: Der 6 Uhr Zug

Wie immer nahm ich den 6 Uhr Zug. Das machte ich jeden Morgen außer am Wochenende. Der Zug war immer überfüllt – Hauptverkehrszeit. Alle Leute waren um diese Zeit unterwegs zur Arbeit. Es war schwer, einen Sitzplatz zu bekommen, oft musste man stehen.

Ich hatte diese Vorliebe entwickelt, die Leute morgens im Zug zu beobachten. Ihre Gesichter wirkten müde und leer. Keiner verzog eine Miene. Kein Lächeln, nur Verbitterung. Alle blieben stumm. Was war das doch nur für eine seltsame Zeit? Die Menschen lachten nicht mehr, redeten nicht mehr, sie waren kühl und abwesend.

Ich überlegte mir oft, was die Menschen wohl so in ihrem Leben machten. Was arbeiteten sie? Hatten sie Familie oder waren sie allein? Einsamkeit war nichts Seltenes. Aber woran lag das? War es, weil die Leute nichts mehr erlebten, nur noch arbeiteten und abends vor dem Fernseher hockten?
Hatten sie Träume und Wünsche? Was machten sie wohl in ihrer Freizeit? Fühlten sie Leidenschaft und Begeisterung? Es schien nicht so. Die Leute im Zug kamen mir eher wie Zombies vor. Irgendwie lebendig, aber doch schon tot.

Bei dem Gedanken lief es mir kalt den Rücken runter. War ich auch so? War ich auch eine von ihnen? Ich musste mir in den Arm zwicken, um zu merken, dass ich noch fühlte, dass ich noch lebte. Auch musste ich mehrmals tief durchatmen, um den Lebenshauch in mir zu spüren. Ich wollte nicht so sein wie sie und das war ich auch nicht.

Ich war zwar allein, war geschieden, aber einsam war ich nicht. Ich hatte ja mich. Ich war mir selbst meine beste Freundin, meine beste Begleiterin. Ich unternahm viel, reiste viel, liebte es fremde Kulturen kennenzulernen, neue Eindrücke zu haben und Erfahrungen zu machen. Wenn ich nicht in ferne Länder reiste, reiste ich in mir selbst. Eine ebenso große, wenn nicht größere Welt. Fremde Meere, fremde Strände – die Luft war viel süßer und der Wind viel weicher. Hier wie dort fühlte ich mich wohl, lebendig. Ich mochte das Leben. Ich mochte jeden einzelnen Tag. Und auch die Fahrt im um 6 Uhr Zug.

Aber heute war irgendetwas anders als sonst. Ich sah mich um, schaute die Menschen an, die ich fast jeden Morgen sah. Alles war eigentlich wie immer. Und doch war da ein erregendes Gefühl in mir, was ich vorher nicht hatte. Und da sah ich ihn, wie ein Farbfleck in einer Schwarzweißaufnahme, bunt und farbenfroh. Heiter, mit einem bezaubernden Lächeln im Gesicht. Er hatte ein Buch vor sich. Es schien eine heitere Lektüre zu sein, spiegelten sich doch eine gewisse Fröhlichkeit und innere Bewegung in seinen Gesichtszügen wider. Das war neu in dem 6 Uhr Zug, jemand der Gefühle zeigte, jemand der lebte zwischen all den Toten hier.

Als der Platz neben ihm frei wurde, ergriff ich sogleich die Gelegenheit, mich zu setzen. Sowieso konnte ich nicht mehr stehen. Er sah mich freundlich an und begrüßte mich. Noch etwas neues in dem 6 Uhr Zug, jemand der redete.

Wir kamen sehr schnell ins Gespräch, zuerst redeten wir über das Buch, dann über Gott und die Welt, schließlich über uns. Wir konnten gar nicht aufhören, zu reden. Mir schien es, als kannten wir uns schon seit einer Ewigkeit, als wären wir uns schon mal in einem früheren Leben begegnet. Oder in vielen Leben? Alles war so vertraut und doch neu.

Als der Zug hielt – Hauptbahnhof – und wir ausstiegen, flüsterte er mir etwas ins Ohr. Mir stiegen die Tränen in die Augen. Dann gaben wir uns die Hände und verabschiedeten uns. Nun war der 6 Uhr Zug leer und bereit neue Fahrgäste aufzunehmen und die Rückfahrt anzutreten. Am nächsten Morgen würde der Zug genauso überfüllt sein wie immer. Genauso viele graue Gesichter würden wie immer in die Leere blicken und in Richtung Hauptbahnhof fahren. Aber zwei von ihnen nicht.

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